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Gepostet by on 15. Apr, 2012 in Blog, Buddhismus, China, Featured, Indien, Personen

Anmerkungen von Stonehouse zur Sommerklausur in Chan-Klöstern

Anmerkungen von Stonehouse zur Sommerklausur in Chan-Klöstern

Shiwu 石屋, oder in seiner englischen Bezeichnung Stonehouse, war ein buddhistischer Eremit im China der Yuan 元朝. In diesem Blogeintrag geht es um die buddhistische Regenklausur bzw. Sommerklausur mit Kommentaren von Shiwu mit einer deutschen Übersetzung in Auszügen.

Shiwus Leben

Shiwu wurde 1272 in Changshu 常熟市, unweit der Mündung des Changjiang 長江, auch Jangtsekiang, in das Ostchinesische Meer geboren. Shiwu hat sich nach einer Berghöhle auf dem Yushan 虞山, unweit von seiner Heimatstadt Changshu, benannt.


Größere Kartenansicht von Changshu

Auf dem Yushan im Xingfu Tempel 兴福寺 wurde Shiwu mit 20 Jahren zum Novizen ordiniert und 1295 erhielt er dort die volle Ordination 具足戒 zum buddhistischem Mönch mit dem buddhistischen Namen, 法名, 法號 oder 戒名, Qinggong 清珙. Shiwu war jemand, der das einfache Leben als Bergeremit abseits der Gesellschaft liebte:

山翁不管紅塵事

Ein Bergeremit sorgt sich nicht um die Dinge des roten Staubes1 (eigene Übersetzung).

Er zog 1312 im Alter von 40 Jahren zum ersten Mal auf den Xiamushan 霞幕山, um dort die nächsten 20 Jahre als Einsiedler zu leben. Xiamushan, mit seinem 450 Meter hohem Gipfel, liegt ca. 25 Kilometer südwestlich von Huzhou 湖州.


Größere Kartenansicht vom Xiamushan

Hier lebte er in seiner Hütte bis Kaiser Wen ihn zum zweiten Abt des Fuyuan Tempels 福源寺 berief. In seinen acht Jahren als Abt des Fuyuan Tempels hat er entsprechend häufig die in Chan-Klöstern typische Sommerklausur für intensive Meditation geleitet. 1339, im Alter von 67 Jahren, zog es Shiwu zurück zu seiner Hütte auf dem Xiamushan und verstarb dort in der Gemeinschaft seiner Schüler im Herbst des Jahres 1352. Als Abschiedsworte hinterließ Shiwu:

corpses don’t stink in the mountains
there’s no need to bury them deep
I might not have the fire of samadhi
but enough wood to end this family line (Porter, 1999, S. xiii).

Regenklausur (vassa) zur Zeit des Buddha

In den Anfängen der Lehrtätigkeit des Buddha war es nicht üblich, dass die Mönche zur Zeit des Monsun in Klausur gingen, um für eine längere Zeit an einem Ort zu verweilen. Im Mahavagga des Vinaya-Pitaka wird dargelegt, wie es zur Institutionalisierung der Regenklausur (vassa) kam:

At that time the Blessed One hat not yet imposed on the monks the rule regarding the Rainy Season Retreat; the monks traveled both during the summer and during the rainy season. People were annoyed, and complained angrily: “How is it that these ascetics, the sons of the Sakyans, keep on traveling during the summer, winter and also in the rainy season? They tread on young plants and damage them, and destroy many small living creatures. Those who belong to other schools may not be very well-disciplined, but at least they withdraw somewhere to make a residence for the rainy season; birds make their nests in the tree-tops and use them to live in during the rainy season: but these ascetics, the sons of the Sakyans, don’t stop traveling during the summer, winter and the rainy season as well.” Some monks told the Buddha that people were annoyed and had made angry complaints. As a result of this, the Blessed One preached a sermon to the monks and decreed: “Monks, you should observe a retreat during the rainy season.” (Mahavagga, zit. nach: Wijayaratna, 1990, S. 20)

Die Regenklausur fällt in den Zeitraum vom Vollmond des Asalha (bzw. Asadha), im Juni oder Juli, und dauert vier Monate bis zum Vollmond des Kattika (bzw. Karttika), im Oktober oder November. Jedoch gilt für die Ordinierten nur ein Wanderverbot von drei Monaten (Schumann, 1995, S. 195). Über das erwartete Verhalten der Mönche und Nonnen zur Regenklausur schreibt Wijayaratna:

During this time they were expected to live in harmony and friendship, meditating and discussing the Master’s teaching (Wijayaratna, 1990, S. 125).

Die drei Monate der Regenklausur wurden daher genutzt für den Ausbau des Verständnisses bezüglich der Lehre, der Meditationspraxis und der Ordensregeln. Um dies zu gewährleisten war ein sozialer Austausch unter den Mönchen zwingend erforderlich. Dies führte dazu, dass der Buddha eine Gruppe von Mönchen rügte, die für die Regenzeit ein Schweigegelübde ablegte und verbat die Praxis des Schweigens.

Shiwus Anmerkungen zur Sommerklausur

Die chinesischen Chan-Klöster übernahmen die indische Tradition der Regenklausur. Da jedoch in China der Monsun als einschneidendes Klimaphänomen fehlt, ist die Klausur in China eine dreimonatige Sommerklausur. Die Meditationsklausur beginnt in den Chan-Klöstern am 15. Tag des vierten Monats und endet drei Monate später am 15. Tag des siebten Monats nach dem chinesischen Kalendar. Nach dem chinesischen Kalendar begann das Jahr 2012 am Neumond des 23. Januar. 15 Tage nach dem Neumond, dem sogenannten Mondalter, ist Vollmond. Also beginnt die Sommerklausur in diesem Jahr am 4. Juni und endet nach 88 Tagen am 31. August.

Und wie für Chan-Klöster zu erwarten, liegt die Betonung auf einer intensiven Meditationspraxis mit eingeschränktem Schlaf. In dieser Zeit schlafen die Mönche auch in der Meditationshalle. Jedem Mönch wird für Meditation und Schlaf ein kleiner Platz mit seinem Namensschild von ca. 90cm Breite und 215cm Länge zur Verfügung gestellt (Porter, 1999, S. 188). Es ist also eine ziemlich harte Zeit in der man sich stark einschränken muss. Da die chinesischen Chan-Mönche, anders als die Mönche zu Buddhas Zeit oder die heutigen Theravada-Mönche, die Sommerklausur nicht einhalten müssen, fragt Shiwu in seiner Rolle als Abt des Fuyuan Tempels die anwesenden Mönche, ob sie es sich auch gut überlegt haben:

結制上堂諸人未結制已前天台南嶽峨眉五臺要去便去要來便來因甚結制已後頂笠腰包草鞋拄杖總用不著咄

結制上堂
Zum Beginn der Sommerklausur kamen sie in der Halle zusammen
諸人未結制已前
Bevor die Klausur beginnt, seid alle gefragt
天台南嶽峨眉五臺
Tiantai und Nanyue oder Emei und Wutai2
要去便去
Möchtest du gehen, dann geh
要來便來
Möchtest du bleiben, dann bleib
因甚結制已後
Sobald die Sommerklausur begonnen hat
頂笠腰包草鞋拄杖
Mütze und Tasche, Strohsandalen und Gehstock
總用不著咄
Sammle sie zusammen, du wirst sie nicht benötigen (eigene Übersetzung).

Wer sich entschieden hat zu bleiben, der bekommt von Shiwu eine Richtschnur für das korrekte Verhalten während der Meditationsklausur an die Hand:

明朝結制今夜小參福源不是琅玡點出五般病西院商量兩箇錯一夏九十日諸人不得妄動一步一日十二時諸人不得妄起一念不起一念而即證無生不動一步而徧遊沙界如斯履踐無一日不是安居

明朝結制
Am kommenden Morgen beginnt die Sommerklausur
今夜小參
Heute Nacht haben wir eine informelle Versammlung
福源不是琅玡
Fuyuan ist nicht Langya
點出五般病
Aufzeigen der fünf Krankheiten
西院商量
Sprechen in der Meditationshalle
兩箇錯
Beides sind Fehler
一夏九十日
Während der 90 Tage im Sommer
諸人不得妄動一步
Dürft ihr alle nicht einen falschen Schritt gehen
一日十二時
Während der zwölf Zeitabschnitte des Tages
諸人不得妄起一念
Dürft ihre alle nicht einen falschen Gedanken denken
不起一念
Nicht ein Gedanke erhebt sich
而即證無生
Dann erkennst du unverzüglich das Ungeborene3
不動一步
Nicht einen Schritt gehen
而徧遊沙界
Dann durchwanderst du die unzähligen Welten4
如斯履踐
Praktizierst du dies
無一日不是安居
Ist jeder Tag wie eine Meditationsklausur (eigene Übersetzung).

Und weiter:

福源今日結制不得不為諸人議定第一從朝至暮舉足下足不得踏著常住地若踏著常住地定犯著波羅夷罪第二十二時中不得向鼻孔裏出氣若向鼻孔裏出氣定犯著波羅夷罪第三件事且莫說且莫說留在七月十五日也未遲

福源今日結制
Heute beginnen wir im Fuyuan Tempel die Sommerklausur
不得不為諸人議定
Daher muss ich mit euch allen die Regeln besprechen
第一
Erstens
從朝至暮
Von morgens bis abends
舉足下足
Beim Heben des Fußes und beim Senken des Fußes
不得踏著常住地
Darfst du nicht das Reich des Ewigkeitsglaubens5 betreten
若踏著常住地
Falls du das Reich des Ewigskeitsglaubens betrittst
定犯著波羅夷罪
Ist die ein Parajika-Vergehen6
第二
Zweitens
十二時中
Während der 12 Zeitabschnitte
不得向鼻孔裏出氣
Darfst du nicht durch die Nase ausatmen
若向鼻孔裏出氣
Falls du durch die Nase ausatmest
定犯著波羅夷罪
Ist die ein Parajika-Vergehen
第三
Drittens
件事且莫說
Gehe keinen Dingen nach und sprich nicht
且莫說
Sprich nicht
留在七月十五日也未遲
Bleibe so bis zum 15. Tag des siebten Monats (eigene Übersetzung).

In einer weiteren Anmerkung spricht Shiwu über Tätigkeiten, die man gerade nicht während der Sommerklausur ausüben soll. Während dieser Zeit gilt die volle Aufmerksamkeit des Mönches der Meditation und daher gilt es, von anderen Tätigkeiten Abstand zu nehmen:

古德道結夏半月日了也水牯牛作麼生有者道結夏半月日了也寒山子作麼生福源道結夏半月日了也己躬下事作麼生莫是早晨起來洗面洗面了喫粥喫粥了喫飯喫飯了放參放參了打眠是己躬下事麼莫是東廊上西廊下寮舍裏山門頭鼓扇是非是己躬下事麼莫是看諸子百家長篇短章高談濶論傍若無人是己躬下事麼莫是經卷上摶量語錄上卜度未得謂得未證謂證是己躬下事麼莫是禮幾拜佛看幾卷經燒兩箇指頭燃幾炷頂香誑惑世人希求利養是己躬下事麼莫是長連床上閉眉合眼昏昏沉沉懵懵懂懂空過時節是己躬下事麼

古德道
Ein alter Weiser fragte
結夏半月日了也
Am Ende der Sommerklausur, wenn der Mond voll7 und die Sonne leer ist
水牯牛作麼生
Was tat der Wasserbüffel8
有者道
Jemand anderes fragte
結夏半月日了也
Am Ende der Sommerklausur, wenn der Mond voll und die Sonne leer ist
寒山子作麼生
Was tat Hanshan9
福源道
Ich, im Fuyuan Tempel, frage
結夏半月日了也
Am Ende der Sommerklausur, wenn der Mond voll und die Sonne leer ist
己躬下事作麼生
Was tatst du selbst
莫是早晨起來洗面
Wuschst du dein Gesicht nach dem Aufstehen
洗面了喫粥
Nach dem Waschen, aßt du Brei
喫粥了喫飯
Nach dem Brei, aßt du Reis
喫飯了放參
Nach dem Reis, meditiertest du
放參了打眠
Nach dem Meditieren, schliefst du
是己躬下事麼
Hast du dies getan
莫是東廊上西廊下
Im östlichen Korridor, im westlichen Korridor
寮舍裏山門頭
In euren Räumen, vor den Klostertoren
鼓扇是非
Stacheltest du Gequatsche von Richtig und Falsch an
是己躬下事麼
Hast du dies getan
莫是看諸子百家
Lasest du die Philosophen der Hundert Schulen10
長篇短章
Die langen Texte und kurzen Aufsätze
高談濶論
Um sie in aller Breite und Tiefe zu diskutieren
傍若無人
Als ob es niemanden sonst gibt
是己躬下事麼
Hast du dies getan
莫是經卷上摶量
Lasest du die Sutras, rolltest sie im Geiste hin und her, um sie zu ermessen
語錄上卜度
Und die Aussprüche bewertest du sie
未得謂得
Nicht verstanden, sagen es ist verstanden
未證謂證
Nicht bestätigt, sagen es ist bestätigt
是己躬下事麼
Hast du dies getan
莫是禮幾拜佛
Verehrtest du ein paar Buddhas
看幾卷經
Lasest du ein paar Sutras
燒兩箇指頭
Verbranntest du zwei Finger
燃幾炷頂香
Entzündetest du ein paar Räucherkegel auf deinem Kopf
誑惑世人
Belogst du die Haushälter
希求利養
Hofftest und suchtest du ihren Vorteil
是己躬下事麼
Hast du dies getan
莫是長連床上
Saßest du auf dem Bett
閉眉合眼
Mit geschlossenen Augen
昏昏沉沉
Beduselt
懵懵懂懂
Und verwirrt
空過時節
Und verschwendetest du deine Zeit
是己躬下事麼
Hast du dies getan (eigene Übersetzung).

Wer so seine Sommerklausur verbracht hat, den rügt Shiwu als nicht einmal dem gemeinsten Bauer gleich. Wer jedoch die Meditationsklausur durchstand, der hatte eine sehr entbehrungsreiche Zeit hinter sich. Nach dem Ende der Sommerklausur zog es viele Mönche wieder hinaus und sie ginge auf Pilgerreise zu heiligen Stätten oder um andere Chan-Meister zu besuchen.

九旬同禁足自恣是今朝暮雨青燈寺西風白石橋孤身三事衲萬里一輕包若到溈山處須防笑裏刀

九旬同禁足
Für 90 Tage wart ihr wie an einem Ort eingesperrt
自恣是今朝
Seit heute Morgen ist eure Freiheit zurück
暮雨青燈寺
Abendregen im Grünen-Lampen Tempel
西風白石橋
Westwind an der weißen Steinbrücke
孤身三事衲
Alleine in einer Mönchsrobe
萬里一輕包
Zehntausend Li mit einer leichten Tasche
若到溈山處
Falls du bis zu Guishans11 Wohnsitz kommst
須防笑裏刀
Musst du dich in Acht nehmen vor dem Messer in seinem Lächeln (eigene Übersetzung).


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  1. 紅塵, wörtl. roter Staub. Dies ist ein Ausdruck für die Welt des Vergänglichen und für die menschliche Gesellschaft.
  2. Diese Berge sind bedeutende Pilgerstätten in China.
  3. 無生, wörtl. das Ungeborene. Dieser Begriff erinnert an Buddhas Ausspruch im Udana: “Es besteht ihr Mönche, / das Ungeborene, Ungewordene, / Ungeschaffene, Unzusammengesetzte. / Wenn dieses Ungeborene, Ungeschaffene, / Unzusammengesetzte nicht bestünde, / – nicht wäre dann ein Entrinnen / aus dem Geborenen, Gewordenen, / Geschaffenen, Zusammengesetzten / zu erkennen. / Weil aber dieses Ungeborene, / Ungewordene, Ungeschaffene, / Unzusammengesetzte besteht, Mönche, / deshalb ist ein Entrinnen für das / Geborene, Gewordene, Geschaffene, / Zusammengesetzte zu erkennen (Udana, zit. nach: Schäfer, 1998, S. 120).
  4. Welten, die so zahlreich sind wie der Sand 沙 des Ganges.
  5. Ich bin mir unsicher, wie ich 常住地 zu übersetzen habe. Porter (1999, S. 171) übersetzt mit ‘permanent ground’. ‘Permanent ground’ kann wörtlich verstanden werden oder in einer übertragenen Bedeutung von einem ewigen inhärentem Sein, was den Grund aller Dinge bildet. Ich verstehe 常住 hier in Sinne des Pali-Begriffs ‘sassata-ditthi (vada)’, welcher von Nyanatiloka (1989, S. 202) als ‘Ewigkeitsglaube’ übersetzt wird. Dies ist der Glaube an eine von den fünf Daseinsgruppe unabhängige und selbst nach dem Tode ewig fortbestehende Persönlichkeit und entspricht der übertragenen Bedeutung von ‘permanent ground’.
  6. Die Mönchs-Regeln sind in verschiedene Klassen eingeteilt. Ein Verstoß gegen die Parajika-Regeln hat den sofortigen Ausschluss des Mönches aus dem Orden, sangha, zur Folge. Siehe hierzu auch meinen Blog Abridged Vinaya for temporary monks.
  7. Nach dem chinesischen Kalendar beginnt ein Monat an Vollmond. Wenn der Monat zur Hälfte 半月 vergangen ist, ist Vollmond.
  8. Der Büffel ist ein im Chan / Zen häufig verwendetes Gleichnis für den Herzgeist 心.Besonders bekannt für die Darstellung ist die Erzählung von den zehn Ochsenbildern.
  9. Hanshan, oder Cold Mountain, war ein buddhistischer Eremit des achten Jahrhunderts, der insbesondere für seine Gedichte bekannt ist.
  10. Die Hundert Schulen 諸子百家 sind eine Sammelbezeichnung für die philosophischen Denkrichtungen und ihrer Vertreter im China der Vor-Qin-Zeit bis zur frühen Han-Zeit.
  11. Guishan Lingyou 潙山靈祐 (jap. Isan Reiyū) 771–853, Gründer der Guiyang-Schule (jap. Igyo-Schule) und Schüler von Baizhang Huaihai 百丈懷海 (jap. Hyakujō Ekai) 720–814.

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