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Gepostet by on 27. Dez, 2011 in Blog, Buddhismus, China, Daoismus

Daoistisches Traktat vom Goldenen Löwen

Daoistisches Traktat vom Goldenen Löwen

Fazang 法藏, 643 bis 712 n. Chr., war ein buddhistischer Mönch und dritter Patriach der Huayan-Schule 華嚴宗 im China der Tang-Zeit 唐朝. In der Zeit von 690 bis 705 gab es das Interregnum der Zhou-Dynastie 周朝 der Kaiserin Wu Zetian 武則天, die eine gläubige Buddhistin war. Fazang erläuterte der Kaiserin Wu Zetian die buddhistischen Lehren und griff für die Erklärung der Huayan-Lehren 華嚴宗 auf das Gleichnis des Goldenen Löwen zurück.

Das Traktat über den Goldenen Löwen 金獅子章 ist damit ursprünglich ein buddhistischer Text. Ich verwende ihn hier jedoch, um das Zusammenspiel vom Dao 道 und den Zehntausend Dingen 萬物 im Daoismus 道教 zu erläutern. Ich habe im Text einige Veränderungen vorgenommen und die Begriffe Gold 金 durch Dao und Löwe 獅子 durch die Zehntausend Dinge ausgetauscht. Das Gold repräsentiert im buddhistischen Sinne die Leerheit und der Löwe die in Abhängigkeit entstandenen Formen des Kosmos.

Text des Traktats über den Goldenen Löwen (in Anlehnung an Chang, 1989, S. 288-297)

I. Das Verstehen des Prinzips des Abhängigen Entstehens

Das Dao hat keine ihm innewohnende Eigennatur. Dank der Kunstfertigkeit eines tüchtigen Künstlers nimmt es die Form der Zehntausend Dinge an. Dieses Entstehen ist einzig und allein das Ergebnis der Bedingungen und Umstände; daher wird es Entstehen in Abhängigkeit genannt.

II. Die Unterscheidung von Form und Leere

Die Form der Zehntausend Dinge ist unwirklich; das Wirkliche ist das Dao. Weil die Zehntausend Dinge nicht existieren und das Dao nicht nicht-existiert, werden sie Form und Leere genannt. Die Leere hat zudem kein eigenes Kennzeichen; sie wird durch Formen offenbar. Die Tatsache, daß die Leere die trügerische Existenz von Formen nicht behindert, wird Form/Leere genannt.

III. Die Zusammenfassung der drei Eigenschaften

Aufgrund der trügerischen Wahrnehmungen der Menschen scheinen die Zehntausend Dinge in konkreter Weise zu existieren; das ist das Kennzeichen der universalen Einbildungskraft. Die Manifestation der Zehntausend Dinge scheint zu existieren; das ist die Eigenschaft der Abhängigkeit von anderen. Die Natur des Daos ändert sich niemals, das ist die Eigenschaft der vollkommenen Wirklichkeit.

IV. Die Enthüllung der Nicht-Existenz von Form

Wenn das Dao die Zehntausend Dinge völlig verschluckt, ist keine Form der Zehntausend Dinge zu finden. Das heißt die Nicht-Existenz der Formen.

V. Die Darlegung der Wahrheit des Nicht-Geborenen

In dem Augenblick, in dem wir die Zehntausend Dinge in Erscheinung treten sehen, ist in Wirklichkeit das Dao in Erscheinung getreten. Es gibt nichts außer dem Dao. Auch wenn die Zehntausend Dinge erscheinen und verschwinden, nimmt die Substanz des Dao weder zu noch ab. Das heißt die Wahrheit des Nicht-Geborenen.

VI. Die Erörterung der Fünf Lehren

1. Obwohl die Zehntausend Dinge eine Form haben, die durch Entstehen in Abhängigkeit hervorgebracht wird, ist sind sie in jedem einzelnen Moment dem Entstehen und Vergehen unterworfen. Da nichts in der phänomenalen Welt Dauer hat ist keine Form der Zehntausend Dinge jemals aufzufinden.

2. Alle Zehntausend Dinge sind, da sie in Abhängigkeit entstehen, leer von Selbstheit und in letzter Analyse nichts als Leere.

3. Obwohl alle Zehntausend Dinge durch und durch Leere sind, hindert das nicht das lebendige Erscheinen der Maya des Werdens. Alles, was in Abhängigkeit entsteht, ist als Trugerscheinung existent und daher in Wahrheit leer.

4. Insofern Leere und Form einander gegenseitig annullieren, sind beide zunichte geworden. Weder Einbildungen noch falsche Vorstellungen existieren hier; weder die Vorstellung der Leere noch die Idee der Existenz behalten irgendeinen Einfluß. Dies ist der Bereich, in dem jede Idee von Sein und Nicht-Sein schwindet. Es ist der Bereich, den Namen und Worte nicht erreichen können. Der Geist verweilt hier ohne jedes Anhaften.

5. Wenn alle falschen Gefühle und irrigen Ideen beseitigt sind und die wahre Substanz sich offenbart, verschmilzt alles in ein großes Ganzes. Großes Wirken erwächst im Überfluß, und was immer entsteht, ist absolut wahr. Die Myriaden von Manifestationen durchdringen einander trotz ihrer Vielfalt ohne Verwirrung oder Unordnung. Alles ist das Eine, denn beide sind im Grunde leer. Das Eine ist das Alles, denn Ursache und Wirkung manifestieren sich ohne Ausnahme. In ihrer Macht und ihrem Wirken durchdringen das Eine und das Alles einander; in völliger Freiheit entfalten sie sich und falten sie sich ein.

VII. Die Meisterung der Zehn Mysterien

1. Das Dao und die Zehntausend Dinge bestehen gleichzeitig vollkommen und vollständig. Dies ist das Prinzip der gleichzeitigen Vollständigkeit.

2. Wenn eine einzelne Form der Zehntausend Dinge die ganzen Zehntausend Dinge in sich enthält, dann ist das Ganze die einzelne Form. Wenn alle Sinnesorgane gleichzeitig die ganzen Zehntausend Dinge enthalten und sie ihn alle vollständig besitzen, dann ist jede Form sowohl “vermischt” mit anderen wie auch “rein”. Dies ist das Prinzip des vollständigen Besitzes der Reinheit und der Vermischung.

3. Das Dao und die Zehntausend Dinge begründen einander und umschließen einander in Harmonie. Es gibt keinen Gegensatz zwischen dem Einen und den Vielen. In diesem vollständigen Einander-Einschließen bleiben Li und Shih, das Eine und die Vielen, sie selbst. Dies nennt man das Prinzip des gegenseitigen Umschließens und doch Verschieden-Seins des Einen und der Vielen.

4. Jede einzelne Form der Zehntausend Dinge enthält die ganzen Zehntausend Dinge, insofern als sie alle Dao sind. Jede einzelne Form durchdringt alle Formen der Zehntausend Dinge. Sie alle existieren in vollständiger Freiheit, ohne Gegensätzlichkeit oder Behinderung. Das nennt man das Prinzip der wechselseitigen Identität aller Dinge in Freiheit.

5. Wenn wir auf die Zehntausend Dinge als die Zehntausend Dinge schauen, gibt es nur die Zehntausend Dinge und kein Dao. Das ist das Enthüllen der Zehntausend Dinge und das Verbergen des Dao. Wenn wir auf das Dao als Dao sehen, gibt es nur Dao und keine Zehntausend Dinge. Das ist das Enthüllen des Daos und Verbergen der Zehntausend Dinge. Wenn wir auf beide gleichzeitig schauen, sind sie sowohl manifest als auch verborgen. Verborgen sind sie geheim, manifest sind sie offenbar. Das nennt man das Prinzip des glechzeitigen Bestehens von Enthüllung und Verborgenheit im Geheimen.

6. Das Dao und die Zehntausend Dinge können manifest oder verborgen sein, eines oder vieles, rein oder vermischt, kraftvoll oder kraftlos. Das Eine ist das Andere. Der Herr und der Knecht tauschen ihren Rang aus. Sowohl Li als auch Shih werden gleichzeitig geschaut. Sie sind miteinander vereinbar; keines behindert die Existenz des anderen. Das gilt auch für die winzigsten und subtilsten Aspekte. Dies nennt man das Prinzip der friedlichen Koexistenz des Kleinen und des Subtilen.

7. In jedem der Augen, Ohren, Glieder usw. der Zehntausend Dinge bis zu jedem einzelnen Haar gibt es einen goldenen Löwen. Alle Zehntausend Dinge, die von jedem einzelnen Haar umschlossen werden, sind gleichzeitig und augenblicklich in einem einzelnen Haar enthalten. So gibt es in jedem Haar eine unendliche Zahl von Zehntausend Dinge. Weiterhin ist jede einzelne Form, die unendlich viele Zehntausend Dinge enthält, wieder in einer einzelnen Form enthalten. Das geht unendlich weiter wie bei den Juwelen im Netz des himmlischen Indra. Das führt zu einem Bereich, der andere Bereiche ad infinitum umschließt; dies ist der Bereich von Indras Netz.

8. Mit den Zehntausend Dinge ist die Unwissenheit des Menschen gemeint. Das Dao steht für die Wahre Natur. Betrachtet man Li und Shih zusammen, so hat man das umfassende Bewußtsein und kann so ein richtiges Verhalten erreichen. Dies nennt man das Schaffen des Verständnisses durch das Enthüllen der Lehre durch Fakten.

9. Die Zehntausend Dinge sind eine vergängliche und bedingte Form; sie entsteht und verschwindet in jedem Augenblick, und jeder Augenblick kann in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft unterteilt werden. Jeder dieser drei Zeiträume enthält wieder die drei Zeitabschnitte Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft; das ergibt zusammen dreimal drei Einheiten, die neun Zeiten bilden; mit ihnen allen zusammen haben wir ein vollständiges Tor zur Wahrheit. Obwohl es neun Zeiten sind; ist jede verschieden von der anderen, und dennoch begründen sie gegenseitig ihre Existenz. Sie sind ohne die geringste Behinderung harmonisch verschmolzen in einem identischen Augenblick. Dies nennt man die unterschiedliche Formung von getrennten Dingen in den Zehn Zeiten.

10. Das Dao und die Zehntausend Dinge können manifest oder verborgen sein, eines oder viele, aber sie sind beide leer von Selbstheit. Sie manifestieren sich in verschiedenen Formen gemäß dem Wandel und der Veränderung des Geistes. Ob wir sie nun als Li oder Shih bezeichnen: Es ist der Geist, durch den sie Form erhalten und existieren. Dies nennt man die universale Vollendung durch die Projektion von “Nur-Geist”.

VIII. Das Umfangen der Sechs Formen

Die Zehntausend Dinge repräsentieren die Eigenschaft der Ganzheit (1), und die Formen, die mannigfaltig und verschieden sind, repräsentieren die Verschiedenheit (2). Die Tatsache, daß sie alle abhängig entstehen, repräsentiert die Eigenschaft der Universalität (3). Die Formen bleiben jeweils an ihrem eigenen Platz und vermischen sich untereinander nicht. Dies repräsentiert die Eigenschaft der Besonderheit (4). Die Kombination und das Zusammenwirken der verschiedenen Formen machen die Zehntausend Dinge aus; das repräsentiert die Eigenschaft der Formbildung (5). Die Tatsache, daß jede Form an seiner eigenen Stelle bleibt, repräsentiert die Eigenschaft der Nicht-Verschmelzung (6).

IX. Die Verwirklichung der vollkommenen Weisheit der Erleuchtung

Bodhi bedeutet Erleuchtung. Das heißt: Wenn wir auf die Zehntausend Dinge blicken, sehen wir sofort, daß alle bedingten Dinge, ohne durch den Prozeß der Auflösung hindurchzugehen, sich von Anfang an in einem Zustand stiller Nicht-Existenz befinden. Ist man frei von Anhaften wie von Loslösung, kann man diesen Weg weiterverfolgen bis in das Meer der Allwissenheit. Begreifen, daß seit anfanglosen Zeiten alles Illusion ist, nicht wirklich existent, heißt Erleuchtung.

X. Das Eingehen ins Dao

Wenn wir auf die Zehntausend Dinge und das Dao schauen, heben die Kennzeichen beider einander gegenseitig auf. An diesem Punkt steigen die Leidenschaften nicht mehr länger auf, auch wenn Schönheit und Häßlichkeit vor unsere Augen treten. Der Geist ist ruhig, gleich dem Meer; alle störenden und trügerischen Gedanken sind erloschen, und es gibt keine Zwänge mehr. Aus der Gebundenheit erhebt man sich, frei von allen Behinderungen. Vom Ursprung aller Leiden hat man sich für immer losgelöst, und das heißt in das Dao eingehen.


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